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Reichtum. Oder: Dreimal auf Reise

Autor: Jakob | Datum: 07 Juli 2015, 13:30 | 2 Kommentare

Ein bisschen Abwechslung, ein bisschen raus aus dem Alltag – das war das Motto der letzten Tage. Meine Schüler genießen ihre Ferien bereits mit ihren Familien in Ihren Heimatdörfern, teilweise einige Stunden von Muara Siberut entfernt, und auch der Kindergarten hat seine Pforten bereits geschlossen. Mit anderen Worten: Ich bin im Moment offiziell arbeitslos.

Arbeitslos heißt zum Glück nicht zwangsläufig beschäftigungslos. Drei Reisen liegen hinter mir, von denen jede einzelne auf ihre Art und Weise interessant und lehrreich war.

Vergessen wir mal die Regeln der Chronologie und fangen mit der zweiten, der unspektakulärsten Reise an. An einem Donnerstagmittag verabschiedete ich mich von meiner Gastfamilie mit den Worten: „Ich bin dann mal kurz Geldholen.“ Ich sollte erst am Samstagmorgen zurückkommen, denn der Geldautomat in Siberut spuckt leider keinen Cent (oder keine Rupie) für mich aus und so musste ich etwa 35 Stunden auf der Fähre ausharren, nur um sechs Stunden Aufenthalt in Padang zu haben. Dort konnte ich Geld holen und ein paar andere Dinge erledigen. Der Grund, warum ich diese Geschichte erzähle ist ein ganz bestimmtes Phänomen, das mir auf dieser Fahrt wieder bewusst geworden ist: In 35 Stunden auf der Fähre war mir nicht eine Sekunde langweilig. Wenn ich mich nicht gerade in eins der zig für meinen Körper viel zu klein geschnittenen Betten quetsche, dann unterhalte ich mich. Gerade jetzt, nachdem ich bereits achteinhalb Monate hier auf Mentawai lebe und die Sprache beherrsche, treffe ich bei jeder Fährfahrt Menschen, die mich kennen und die ich auch kenne. Und dazu lerne ich auch immer noch neue Menschen kennen. Ein Beispiel von der Hinfahrt: Ich betrete die Fähre. Nach wenigen Sekunden spricht mich Ryki aus Nordsiberut an, mit dem vor einigen Wochen schon die Strecke zurückgelegt habe. Er ist noch beschäftigt und wir verabschieden uns mit einem „See you later!“. Ich stelle meine Sachen ab und suche mir einen ruhigen Platz, von dem aus ich das rege Be-und Entladen beobachten kann. Nach wenigen Minuten gesellt sich ein Herr zu mir und beginnt ein Gespräch. Vor einigen Monaten hätte es mich vielleicht genervt, hatte ich mir doch extra einen ruhigen Platz ausgesucht, aber nun genieße ich die Konversation und bringe in Erfahrung, dass er im Auftrag der mentawaiischen Regierung unterwegs ist, um ein Solarprojekt, auf das ich später noch zu sprechen kommen werde, zu begleiten. Als der gewaltige Schiffsrumpf sich bereits langsam, dem Sonnenuntergang entgegen, durch die Fluten gen Norden an der bewaldeten Küste entlang schiebt, begebe ich mich aufs Oberdeck und entdecke einige Freunde, unter anderem Ryki, die mit einer kleinen Gitarre lokale und internationale Lieder dem angenehmen Fahrtwind entgegen schmettern. Ich geselle mich zu Ihnen und wir reden oder lauschen einfach nur der Musik. Nach einiger Zeit spricht mich eine Gruppe am Nachbartisch an, die mich bittet, mich zu Ihnen zu gesellen. Es stellt sich heraus, dass es sich um Studenten aus verschiedensten Teilen Indonesiens handelt, die Teil eines Projektes sind und in dessen Rahmen zwei Wochen lang über die Mentawai-Inseln gereist sind, um Kinder in verschiedenen Dingen zu unterrichten. Eine Studentin kann ein paar kleine Brocken Deutsch, denn sie lernt am Goethe-Institut in Jakarta und will ab nächstem Jahr in Berlin studieren. Es ergeben sich interessante Gespräche. Am späten Abend legen wir in Sikabaluan – Nordsiberut – an. Bevor das Schiff seine Fahrt nach Padang fortsetzt holen wir – also ich und jetzt wieder meine mentawaiischen Freunde – uns in Päckchen verpackten Reis, den wir dann gemeinsam auf dem Schiff verzehren. Danach begebe ich mich ins Bett, muss aber schnell feststellen, dass ich noch nicht einschlafen kann (für diese kleinen Betten muss man wirklich sehr müde sein) und entscheide mich so noch zu einem Bier auf dem Oberdeck. Kaum trete ich aus der Tür, werde ich schon gerufen. Ein Bekannter versucht sich mit einer russischen Touristin unterhalten, die der Indonesischen Sprache aber nicht mächtig ist und so fungiere ich kurzerhand als Übersetzer (Englisch, nicht Russisch!) im letzten Gespräch dieses langen Tages.

Ich kann mich noch erinnern, als es, noch in Deutschland, bei einem Indonesienseminar um das Thema Armut und Reichtum ging und in Bezug auf die Tatsache, dass man in einem deutschen ICE manchmal mehrere Stunden einer Person gegenüber sitzt, ohne ein einziges Wort mit ihr zu wechseln, das Wort „Armut“ fiel.

Die zweite Reise, von der ich berichten möchte, ist die chronologisch gesehen letzte. Vor einigen Tagen wurden wir in Muara Siberut von einem malaysischen Pfarrer, seinem in Boston arbeitenden Sohn inklusive dessen US-Amerikanischen Verlobten und einem Presbyter besucht. Zusammen bestiegen wir ein sogenanntes Pong-Pong, ein Boot, welches aus einem einzigen Baumstamm hergestellt und mit einem kleinen Motor, dessen Geräusch dem Fortbewegungsmittel seinen Namen verleiht, ausgestattet ist und schipperten mehrere Stunden den Fluss Siberut hinauf, bis in das Gebiet, das die Einheimischen Hulu nennen. Schon die Fahrt war aufregend, interessant und ein kleines Abenteuer. Der Fluss schlängelt sich ins Inselinnere, zunächst vorbei an von Menschen bestellten Felder, voll mit Bananen- und Nelkenbäumen und anderen Pflanzen. Später ändert sich das Bild und zur linken und rechten Seite des Flussufers schießen Urwaldriesen in die Höhe. Regelmäßig zeigt einer von uns Insassen auf einen Fleck am Ufer und ruft „Biawak! – Waran!“ und wer schnell genug ist, kann das beeindruckende Tier noch erspähen, das sich auch immer wieder in unseren Garten verirrt, bevor es sich verängstigt durch das Dröhnen des Motors in die hohen Gräser begibt. Immer wieder sieht man die für Mentawai typischen Sagoblattdachhäuser und die Einwohner, die hier, abgeschieden von den restlichen Dörfern der Insel ohne einen Straßenzugang, von und mit dem Fluss leben, winken uns zu. Als wir um eine Kurve biegen steht ein Sikerei, ein Medizinmann, am Ufer. Er trägt bis auf einen kurzen Lendenschurz keine Kleidung, hat Blumen im Haar und sein Körper ist von Kopf bis Fuß mit den typisch mentawaiischen Tattoos verziehrt. Diese noch so stark erhaltene einzigartige Kultur ist Grund für viele Anthropologen, Fotografen, Tattofans und Touristen Siberut zu besuchen.

Als wir das Boot zurücklassen und die letzte Stunden zu Fuß zurücklegen wandern wir durch den Schatten unzähliger Sagobäume und der im Dorf aufgewachsene Pastor, der mittlerweile in Kuala Lumpur lebt, zeigt uns, wie man aus bestimmten Blättern Ketten basteln kann und erklärt die Herstellung von Sagomehl anhand der Konstruktionen, die alle paar Meter am Straßenrand errichtet wurden.

Als wir das Dörfchen Rokdok erreichen muss ich wirklich lächeln, als mich nach wenigen Sekunden bereits die ersten Stimmen mit „Hallo Bang Jakob“ begrüßen. Ich war noch nie hier und trotzdem habe ich hier bereits Bekannte, denen ich in meiner Zeit hier irgendwann mal über den Weg gelaufen bin.

Das Dorf gibt ein völlig anderes Bild ab, als das mir wohlbekannte Muara Siberut. Klein und persönlich, das scheint mir eine gute Beschreibung zu sein. Am Abend sitzen wir beispielsweise mit einigen Einheimischen auf einer Veranda, mit der jedes traditionell gebaute mentawaiische Haus ausgestattet ist, und schließlich kommt das Gespräch auf das Thema, wem das Haus denn gehöre. Der sei noch beschäftigt mit der Arbeit auf seinem Feld heißt es, er würde aber später kommen. Im unpersönlichen Werder, meinem Heimatort in Deutschland, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass sich ein Dutzend Menschen einfach mal im Hause eines anderen versammelt, der selber gar nicht anwesend ist.

Aber vor dieser sinnbildlichen Situation am Abend stärken wir uns zunächst mit einem Mittagessen im kleinen Klinikum, in dem Hema, die Nichte meiner Gastmutter und damit sozusagen meine Gastcousine, lebt und arbeitet. Eigentlich ist sie eine ausgebildete Hebamme, behandelt hier als einzige Medizinerin jeden, dem sie helfen kann. So hat sie neuerdings ein Baby adoptiert, eine unglaublich mutige und gute Tat in einem kulturellen System, das eigentlich eine Heirat vor dem Besitz eines Kindes voraussetzt. Das Baby litt unter einem hier im Hulu noch ausgeprägten Problem: Die Eltern gingen bei Krankheit nicht zum Arzt sondern ausschließlich zum Medizinmann. Hema hat aber erkannt, dass es medizinische Betreuung braucht und hat es so – mit Zustimmung der Eltern - für unbestimmte Zeit aufgenommen.

Zur Feier des Tages werden zwei Hühner geschlachtet, ich kann mithelfen, denn mittlerweile weiß ich, wie man sie rupft und ausnimmt.

Nach der Stärkung begeben wir uns auf sechs Mopeds auf den Weg durch das Dorf Madobak ins acht Kilometer entfernte Uggai. Die Fahrt gleicht einer Seereise auf einer kleinen Nusschale durch einen großen Sturm. Es ruckelt und schaukelt. Am Anfang  traue ich mich noch, mit einer Hand die Kamera zu halten und Fotos zu machen, später brauche ich beide Hände und eigentlich noch eine mehr, um mich an den Sattel zu krallen. Immer wieder müssen wir absteigen und schieben.

Es ist eine so spektakuläre Fahrt, auf der mir die Intensität der mentawaiischen Kultur nochmal bewusst wird. Wir fahren vorbei an den großen Holzhäusern, vor deren Türen deren Bewohner sitzen. Wir treffen auf viele Menschen, die mit ihrer Arbeit als Sagobauern beschäftigt sind und kein einziger bleibt ungegrüßt

Im Zielort feiern wir eine kleine Andacht – mit zig Kindern – und machen uns dann wieder auf den Nachhauseweg ins Klinikum nach Rokdok, wo wir die Nacht verbringen werden.

Und als wir dann nach dem langen Tag zu fünft in dem kleinen Zimmer liegen, ist es so heiß, dass ich beim besten Willen nicht einschlafen kann und kurzerhand schnappe ich mir Kissen und Decke gehe nach draußen, wo mir im Lichte des Vollmondes unter einem Sternenhimmel, den ich in dieser Intensität nur aus der israelischen Wüste kannte, die Augen zufallen.

Die Lehre, die ich aus dem Hulu mitgenommen habe, ist die, dass Kultur ein immer wertvolleres Gut ist. Es ist vergleichbar mit einem Oldtimer, der bei immer höherem Alter einen immer höheren Wert erzielt, da die Anzahl der Exemplare sinkt. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Sprache ist Identifikation mit einer zu einem Ort gehörigen Kultur. In Mentawai spricht jeder Mentawaiisch. Obwohl die Meisten auch Indonesisch beherrschen ist gerade im Hulu ist die Umgangssprache Mentawaiisch. Wer Indonesisch benutzt ist der Außenseiter.

Nun denke ich an Deutschland, an den Hunsrück, in dem ich aufgewachsen bin. Die Generation meiner Großeltern spricht in der Regel Hunsrücker Platt, die Generation meiner Eltern nur noch teilweise. Wer aus meiner Generation noch Platt beherrscht, ist ein Außenseiter.

Die dritte Reise ist die, die mittlerweile bereits am längsten zurückliegt und führte mich entlang der Ostküste Siberuts. Am Donnerstag, den 18.06. besteige ich zusammen mit meinem Gastvater, einem Gemeindemitglied, einem Pfarrer vom Hauptbüro der GKPM und einem vierköpfigen Team von einem Indonesischen Bibelinstitut aus Jakarta (Lembaga Alkitab Indonesia) ein angemietetes Schnellboot und wir brausen die östliche Küste der Insel Siberut entlang, bis wir unser erstes Ziel, den Ort Saibi erreichen.

Dort verteilen wir Bibeln in mentawaiischer Sprache an die Gemeindeglieder. Nach 99-jährigem Bestehen der protestantischen Kirche Mentawais gibt es nun endlich, ermöglicht durch das Institut, die komplette heilige Schrift in der Lokalsprache.

In Saibi verweilten wir eine Nacht und machen uns dann auf ins Dörfchen Pokai, dort vollziehen wir die gleiche Bibelverteilungsprozedur – für mich heißt das vor allem große Pakete schleppen und auspacken – und am Abend lassen wir es uns nicht nehmen, den fantastischen Sonnenuntergang mit einem Kaffee und einem Bad am Strand zu genießen. Früh am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne wieder aufgegangen ist, sitzen wir bei Kerzenschein beim Sagofrühstück, denn das Team des Bibelinstituts, das heute schon wieder abreisen wird muss die Fähre aus Muara Siberut erwischen. Mein Gastvater und ich aber werden auf der Hälfte der Rückreise abgesetzt, in einem kleinen Dorf namens Sua, in dem er am morgigen Sonntag predigen wird. Und so springen wir, nach ein paar Stunden rasanter Fahrt, die ich diesmal auf dem ruckeligen und windigen Ehrenplatz, ganz vorne auf der Spitze des Bootes genieße, mit einem „Terima Kasih – Danke“ am weißen Sandstrand des Dorfes vom Boot ins knöcheltiefe warme Wasser.

Nur ein paar Meter Fußmarsch durch den Mangrovenwald trennt den Ort Sua vom Strand und als wir ihn erreichen wird mir klar, was mein Gastvater mit den Worten „In Sua ist es ruhig.“ gemeint hat.

Im Prinzip handelt es sich um eine kleine Ansiedlung von Häusern. Von keinem Punkt des Dorfes aus sind dessen Grenzen nicht abzusehen. In der Dorfmitte steht eine kleine Kirche. Alle Bewohner dieses Dorfes sind Mitglieder der GKPM, es gibt hier keine Katholiken und auch keine Muslime. Wenn sich also im sonntäglichen Gottesdienst die Gemeinde versammelt, dann versammelt sich das ganze Dorf.

Doch bis zum Gottesdienst sind es noch etwa 24 Stunden, die es zu Füllen gilt, und so beschließe ich, nach einem kurzen Dorfrundgang, der aufgrund der Größe der Siedlung bereits nach wenigen Minuten abgeschlossen ist, auf dem ich aber bereits die ersten Bekanntschaften schließe,  zum Strand zu gehen. Einige Jugendliche wohnen außerhalb der Ferienzeit in Muara Siberut und so kennen sie mich bereits und andere folgen uns einfach und so sind wir eine Gruppe von gut 15 Leuten, die sich ins kühle Nass, das in diesen Teilen des Indischen Ozeans allerdings eher badewannenwarm ist, stürzt. Ein Wasser, wie das in Sua, habe ich noch nie gesehen. Es ist so unglaublich kristallklar, dass ich ohne Taucherbrille, die ich blöderweise nicht mitgenommen habe, die Korallen, die gut zehn Meter unter mir am Meeresgrund sind, erkennen kann. Wenn ich schwimme, sehe ich den Schatten meines Körpers über den weißen Grund wischen. Nach einiger Zeit wird uns langweilig und wir beschließen Kokosnüsse zu essen. Es ist mir immer wieder ein Rätsel, mit welchem Geschick und welcher Geschwindigkeit die Einheimischen die meterhohen Bäume erklimmen, jedenfalls sitzen wir alle wenige Minuten später mit einer frisch geknackten Kokosnuss am Strand und sehen in der Ferne, wie die Schnellfähre, die vom Norden der Insel ins südliche Muara Siberut fährt, an der Küste entlang düst. Schon einige Male, bin ich nun auf dem Weg nach Padang die Strecke mit Zwischenstopp in Nordsiberut gefahren und es ist ein Jammer, denke ich mir, dass ich, wie all diese Leute, die sich gerade in die Sessel des Schiffes zwängen, nur in einiger Entfernung die Küste entlang gerauscht bin und Orte wie Sua nie zu Gesicht bekam.

Abends essen wir, wie bereits die letzten Tage, in den eigenen Blättern oder in Bambusstöcken geröstetes Sago und ich schlafe nach diesem aufregenden Tag schnell ein. Reisetage empfinde ich generell weniger der Reise wegen und mehr der Tatsache viele neue Menschen zu treffen und viel zu reden geschuldet als anstrengend, was allerdings keinesfalls bedeuten soll, dass ich genau dies nicht genießen würde. Dazu kommt auch, dass das Leben im Dorf für mich quasi ein Nonstop-Mentawaiisch-Unterricht ist, da die Bewohner Indonesisch zwar beherrschen, es aber nur selten anwenden. Meine Kenntnisse in der mentawaiischen Sprache sind trotz dieser direkten Konfrontation noch sehr bescheiden, doch in Sua kann ich den bisher größten Fortschritt vermelden, denn hier rutscht mir zum ersten Mal, nach gefühlten zwei Millionen Versuchen das mentawaiische Wort für Glocke, „Ngonong-Ngonong“ in seiner richtigen Aussprache über die Lippen und am nächsten Morgen im Gottesdienst, stelle ich mich der Gemeinde in Mentawaiisch vor – immerhin.

Und auch am Sonntag genieße ich die Natur des Ortes wieder in vollen Zügen und schöpfe sie aus. Nach dem morgendlichen Bad im Meer, dem langen Abendmahlsgottesdienst und einer kurzen Mittagspause beschließe ich, einen Weg auf den nahe gelegenen Berg zu suchen, von dem aus, da bin ich mir sicher, sich ein tolles Panorama bietet. Nur etwa zwei Meter weit komme ich, als mir von einem Presbyter angeboten wird, mich zu begleiten und nachdem sich noch ein Jugendlicher, der in meinem Wohnort im benachbarten Asrama wohnt, und zwei Kinder hinzugesellen marschieren wir also in einer lustigen Gruppe los hindurch durch den Schatten unzähliger Sagobäume und schon bald treffen wir auf die örtliche Sagofabrik, in dem einen Frau, die am Morgen noch in der Kirche aufgefallen war, den Prozess erklärt, bei dem die weiße Masse aus den  Baumstämmen zunächst zerrieben und unter dem Zusatz von Wasser gesiebt wird, um das gewünschte Produkt, dass Sagomehl zu gewinnen. Wir laufen weiter und schon bald ändert sich das Bild und wir sind umgeben von einer Vielzahl hoher Bäume, deren Namen ich nicht nennen kann. Ob ich mal Poulasaft probieren möchte, werde ich gefragt und einen Moment später klettert der Jugendliche bereits hoch hinaus in die Baumwipfel und lässt ein Stück Bambus, das an den abgeschlagenen Ast eines palmenartigen Gewächses gesteckt war, herunter. Wir alle trinken von dem süßen Saft.

Weiter geht es und schon bald sind wir inmitten der Felder der Bewohner des Dorfes. Die dunkelroten Blüten der Bananenbäume sind so groß wie Fußbälle und die Bäume tragen Bananenstauden, so lang wie mein Arm.

Der Weg auf den Gipfel des Berges ist mit Ananaspflanzen gepflastert, deren Früchte größer, fruchtiger und süßer sind als jede Ananas, die man in einem deutschen Supermarkt kaufen kann und als wir durchgeschwitzt oben ankommen bietet sich zwischen den unzähligen Nelkenbäumen und dem Zuckerrohr  hindurch ein toller Blick auf das Meer.

Schnell steigen wir wieder herab, denn schwarze Wolken kündigen einen Regenschauer an und tatsächlich sind wir letztlich drei Minuten zu spät, eine Zeit die bei einem tropischen Regenschauer ausreicht, um klitschnass zu werden. Schnell liefern wir die vom Feld mitgebrachten Früchte im Haus ab und laufen zum Strand, um im strömenden Regen ein Bad zu nehmen.

Erst am nächsten Morgen verabschieden mein Gastvater und ich uns aus Sua und werden im Pong-Pong nach Hause gebracht. Und auf dem entspannten, weil langsamen Rückweg, bietet sich mir noch ein absolutes Highlight: Schon einige Male habe ich während meiner Zeit hier auf Mentawai mal ein paar Delfine in der Ferne springen oder auch nur deren Rücken gesehen, aber was sich auf dieser Fahrt ereignet, ist ein unvergessliches Erlebnis. Auf einmal tuckert das kleine Bötchen hindurch durch eine Gruppe hunderter Delfine, die freudig mit dem Boot mit schwimmen, so nah, dass man sie theoretisch anfassen kann oder sich einfach nur in die Höhe aus dem Wasser katapultieren, um sich dann freudig mit dem Rücken zuerst wieder hineinfallen zu lassen.

In diesem Moment, in dem ich gar nicht weiß, wo ich hingucken soll, wird meines eines bewusst:

Dieser Ort ist so reich.

Sei es der soziale Reichtum, den ich bei einer gewöhnlichen Schifffahrt nach Padang erlebe, der kulturelle Reichtum, dessen Ausprägung im Hulu so deutlich wird oder der natürliche Reichtum, welcher mir bei der Reise nach Sua offenbart wurde – Mentawai ist reich. Denn wer Reichtum nur in finanziellem Vermögen misst, der ist wirklich ein armer Kerl.

 

Fotoalbum: Reichtum - auf Reisen

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Kommentare

  1. 1. Lena  |  08 Juli 2015, 02:09

    Hey! Das klingt echt supercool, vorallem deine Reise nach Sua! Ich bin auch grade mit LAI unterwegs, allerdings in Westtimor, wo wir Alphabetisierungskurse für die zum größten Teil illiterate Bevölkerung durchführen.
    Wünsche dir noch ne schöne Zeit,
    Tuhan memberkati ;-)

  2. 2. Hannfried Holzhausen  |  11 Juli 2015, 21:53

    Hallo Jakob,

    nachdem dein Vater letzte Woche kurz bei uns in Sohren war und uns auf deinen Blog aufmerksam machte, habe ich es heute tatsächlich mal gepackt mir die Zeit zu nehmen und zu lesen. Ich darf sagen - Respekt! Dir noch eine gute Zeit!

 

 

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