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Mentawai im Alphabet I

Autor: Jakob | Datum: 01 Mai 2015, 07:58 | 1 Kommentare

Indonesien ist vielfältig. Mentawai ist es auch. Worte können diesen besonderen Ort niemals gerecht umschreiben und trotzdem will ich versuchen, ein paar Schlagworte, die wichtig für mich als Freiwilligen auf Mentawai und für den Ort Mentawai eine wichtige Rolle spielen, zu erklären.

Was folgt ist eine Beschreibung Mentawais von A-Z – Mentawai in all seiner Vielfalt.

Im ersten Teil geht es um die Buchstaben von A bis E:

 

ASRAMA

Was ist ein Asrama? Das Wörterbuch sagt „Boarding School“ .Es steckt ein Funken Wahrheit darin, aber dennoch ist ein Asrama nicht wirklich ein Internat. In einem Asrama leben Schüler, die allerdings verschiedene, meist staatliche, Schulen im Ort besuchen. Das Asrama ist also der Wohnort der Schüler ohne integrierte Schule.

Die GKPM  besitzt ein Asrama in Muara Siberut. Die Bewohner sind meine Schüler, mit denen ich jeden Tag zu tun habe. Nachmittags gebe ich außerschulischen Englischunterricht. Die Schüler unseres Asramas sind zwischen zwölf und 18 Jahre alt.

In Indonesien gibt es drei Schulformen. Was in Deutschland Grundschule genannt wird heißt hier SD. Die SD geht bis zum sechsten Schuljahr. Danach folgen drei Jahre SMP, Mittelschule, und drei Jahre SMA, Oberschule.

Die Schüler unseres Asramas sind SMP- und SMA-Schüler. Neben dem GKPM Asrama gibt es in Muara Siberut noch sechs weitere. Das ist verhältnismäßig sehr viel für einen kleinen Ort.

Warum wohnen so viele Schüler in Asramas?

Die Antwort ist einfach. Die Schüler stammen aus verschiedenen Dörfern Südsiberuts. In diesen Dörfern gibt es in der Regel SDs, also Grundschulen, aber keinerlei weiterführende Schulen.  Wer eine höhere Schulausbildung genießen will ist also gezwungen, in jene wenigen Orte zu ziehen, in denen die höheren Schulformen vorhanden sind. Wer keine Verwandtschaft vor Ort hat, mietet sich ein Zimmer – oder lebt im  Asrama.

Ich versuche, das GKPM Asrama ein wenig zu beschreiben. Im Prinzip besteht der Komplex aus drei Gebäuden. Das größte ist das Asrama Putri, das Schlafgebäude der Mädchen. Einige Meter entfernt steht das etwas kleinere Asrama Putra, wo sich die Schlafzimmer der Jungs befinden.

Zwischen beiden Häusern steht das Rumah Dinas, das alte, nicht mehr bewohnte, Pfarrhaus. Hier gebe ich meinen Englischunterricht.

Wie die meisten Indonesier stehen die Schüler früh auf. Bevor sie sich, meist zu Fuß, auf den Schulweg machen, müssen sie „Mandi“(=Bade)Wasser holen und kochen.

Gegen Mittag kehren die meisten von der Schule heim.  Nachmittags stehen verschiedene Aktivitäten an. Entweder haben die Schüler Nachmittagsunterricht in ihren Schulen, lernen bei mir Englisch oder gehen ihren Pflichten im Asrama nach. Jeder Bewohner muss regelmäßig Gras schneiden oder Müll einsammeln.

Jeden Abend gibt es eine kleine Andacht, die die Schüler in der Regel selbst organisieren. Nur zwei Mal wöchentlich ist der Rahmen etwas größer und der Gottesdienst wird mit einem externen Prediger in der Kirche gefeiert. Mal spricht der Pfarrer, mal ein Presbyter und einmal pro Monat stehe ich auf dem Plan.

 

BULE

Nach langem Zögern habe ich mich jetzt doch entschieden, dieses Wort, das ich eigentlich gar nicht mag, zu erwähnen. Tatsächlich spielt es für mich täglich eine große Rolle, bin ich doch selber einer – ein Bule.

Ein Bule ist ein Ausländer, in der Regel mit weißer Hautfarbe.

Wenn ich durch die Sträßchen Muara Siberuts streife, werde ich immer von vielen Leuten gegrüßt. Es gibt eine einfache Prüfmethode um festzustellen, ob der Grüßende mich bereits kennt oder wir uns noch nicht unterhalten haben.

Indiz für letzteres ist ein „Hello Mister“ oder eben „Hello Bule.“ Sind wir uns bereits erkannt, wird mir „Hello Bang“ oder einfaches ein melodisches „Bang Jakob“  entgegengerufen. Glücklicherweise  ist Muara Siberut ein kleines Örtchen und immer seltener werden meine Spaziergänge  von den unpersönlichen „Mister“und „Bule“ Rufen begleitet. Das freut mich.

„Bang“ bedeutet übrigens „älterer Bruder“. Nur sehr selten wird in Indonesien/Mentawai nur der nackte Name verwendet. Für jüngere wird dem Namen ein „Adik“ bzw. „Dik“ hinzugefügt. Ältere weibliche Jugendliche nennt man „Kakak“ bzw. „Kak“. Alles sind eigentlich Bezeichnungen für Geschwister.

Frauen nennt man „Ibu“ bzw. „Bu“ und Männer werden mit „Bapak“ bzw. „Pak“ angesprochen. Das sind auch die Vokabeln für „Mutter“ und „Vater“.

Alle sind Geschwister und Verwandte – eine wirklich schöne Sache – und auf jeden Fall schöner als „Bule“.

 

CHRISTENTUM

Der Einzug des Christentums hat die Lebensweise und Kultur der innerhalb von einem Jahrhundert auf unglaubliche Art und Weise verändert und beeinflusst.

 Vermutlich bedingt durch die starke Isolation der Inselgruppe kamen die ersten christlichen Missionare erst um das Jahr 1900, also deutlich später als in andere Gegenden Indonesiens.

Somit ist das Christentum hier etwas Neues. Die Großmutter meines 44-jährigen Gastvater beispielsweise, war noch eine Anhängerin der ursprünglichen Naturreligion mit komplexen animistischen Strukturen, an die heute nur noch sehr wenige Leute glauben. Heute ist die Mehrheit der mentawaiischen Bevölkerung christlich und das in Indonesien, dem Land, in dem die meisten Muslime leben.

Ich erlebe hier einen Glauben, der in seiner Intensität völlig neu für mich ist. Und das, obwohl ich im Pfarrhaus aufgewachsen bin. Jede Familie betet selbstverständlich vor dem Essen, am Sonntag wird in die Kirche gegangen und wenn mal jemand nicht kommt, dann fällt das sofort auf. Betritt man ein Haus so ruft man „Shalom“ und nicht selten werden Entscheidungen mit der Bibel begründet.

Diese Erfahrungen bringen mich zum Nachdenken und stärken meinen persönlichen Glauben.

 

DIEBSTAHL

Zwei Dinge sind mir bisher gestohlen worden. Mein linker und mein rechter Turnschuh. Das war nicht nur aus finanzieller Sicht ein bitterer Verlust: Die größten Schuhe, die ich finden konnte, habe ich mir auf nach dem Verlust der alten in einem kleinen Lädchen auf Java gekauft – und trotzdem drücken sie vorne und hinten. Ich bin einfach zu groß für dieses Land!

Es ist auch eine Genugtuung zu wissen, dass jetzt entweder ein Dieb mit viel zu großen knallblauen Sportschuhen unterwegs ist, das würde aber auffallen und ist eher unwahrscheinlich, oder der Täter mit seiner Beute gar nichts anfangen kann.

Um aber zum Thema zurückzukommen: Ich fühle mich hier absolut sicher. Es gibt hier, zumindest rein subjektiv betrachtet nicht mehr Kriminalität als im schönen Werder an der Havel.

Die Tatsache, dass hier alles ein paar Nummern kleiner ist, trägt mit Sicherheit auch dazu bei. Man kennt sich eben und würde Person A auf einmal das T-Shirt von Person B tragen, würde das auffallen. Diese Tatsache führt zu einem netten Paradoxon:

Viele Menschen hier tragen die gleichen Flip-Flops. Aus diesem Grund werden die Sandalen nachts aus Schutz vor Dieben ins Haus geräumt. Die Mopedschlüssel lässt man allerdings immer stecken. Ein Diebstahl würde sofort auffallen.

 

ENTWICKLUNG

Ich bin jetzt seit über einem halben Jahr auf Mentawai. Das ist auf der einen Seite recht lange, auf der anderen Seite aber eigentlich zu kurz, um über Entwicklung, einen extrem langwierigen Prozess, zu urteilen.

Die Tatsache, dass ich innerhalb dieses kurzen Zeitraums feststellen konnte, dass sich dieser Ort tatsächlich verändert, zeigt, wie schnell die Entwicklung hier tatsächlich voranschreitet.

In Sikakap auf der Insel Nordpagai habe ich nur zwei Monate gelebt. Als ich ankam ließen die Verhältnisse der Straße nur eine Fahrt im Schritttempo zu. Als ich den Ort wieder verließ war der Weg bereits neu gemacht worden und für die gleiche Strecke braucht man nun nur noch ein Fünftel der Zeit.

Hier in Muara Siberut sind die Straßenverhältnisse bereits gut. Während meiner fünf Monate hier wurden zwei Brücken fertiggestellt. Im Moment wird an einer Tankstelle gebaut. Das ist ein riesiger Schritt nach vorne. Im Moment muss man den Sprit noch in kleinen Plastikflaschen am Straßenrand kaufen und nicht selten verzögert sich der Nachschub aus Padang und Siberut ist ohne Benzin. Dann heißt es „Jalan Kaki“ – zu Fuß gehen. Das wird sich hoffentlich ändern, wenn die Tankstelle fertig ist.

 

Das waren die ersten fünf Begriffe, die in meinem Leben auf Mentawai eine Rolle spielen. Die nächsten werden folgen.

Mir geht es nach wie vor sehr gut!! Ich bin im Moment mit verschiedenen Dingen beschäftigt.

Liebe Grüße an Euch alle!

 

Fotoalbum:Von A bis Z - bunter Mix

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Kommentare

  1. 1. Reinhard  |  13 Juni 2015, 12:37

    Sehr gut und informativ, danke!

 

 

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