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Zeit ist nicht gleich Zeit

Autor: Jakob | Datum: 11 Februar 2015, 05:12 | 3 Kommentare

Sie verstreicht, die Zeit. Ja, sie plättschert vor sich hin und ich kann es nicht wirklich fassen, dass ich nun schon seit über 100 Tagen weg bin. Im Moment pendelt sich, trotz der Tatsache, dass jeder Tag Neues und Unvorhergesehenes bringt, doch ganz langsam etwas ein, das man Alltag nennen könnte. Das ist vor allem dadurch bedingt, dass ich jeden Tag Englischunterricht für die Bewohner des Schülerwohnheims gebe. Es ist eine Herausforderung, eine Fremdsprache in einer anderen Fremdsprache zu unterrichten, die wohl später einen eigenen Blogeintrag verdient.

Diesen Artikel möchte ich einem anderen Thema widmen, einem sehr schwierigen, denn das erste Mal möchte ich mich wagen, etwas tiefer hineinzusehen, in die Kultur und Lebensweise, auf die ich hier stoße und mit der ich jeden Tag aufs Neue konfrontiert werde. Es ist ein kompliziertes Thema, das Thema Zeit, denn es kratzt nicht nur an der sichtbaren Oberfläche sondern es dringt ein in Bereiche, die unter der Oberfläche liegen und mit dem Auge bei Einmaligen Hinsehen weder zu erkennen und schon gar nicht zu verstehen sind.

Während ich über dieses Thema nachdenke wird mir klar, dass ich es schon schwierig finde zu definieren, was denn tatsächlich der Unterschied sein soll, an der Zeit in Deutschland und der hier auf Mentawai.

Nun ja, zunächst mal ist sie um sechs Stunden verschoben, aber das ist es nicht. Ich erinnere mich zurück an meine ersten Wochen hier, in denen ich mit einem Phänomen kämpfte, dass ich aus Deutschland eigentlich gar nicht kannte: Ich hatte zu viel Zeit. Während ich zu Hause jeden Tag Aktivitäten nachging und in der restlichen Zeit viel mit Freunden und Familie unternahm, saß ich in meiner Anfangszeit in Indonesien erst mal ungewohnt viel einfach nur rum. Ich erinnere mich an die Zeit in der ich in Padang saß, noch ohne Arbeit und ohne eine Aufgabe, mal abgesehen vom Warten auf die Erlaubnis von der Immigrationsbehörde. In dieser Zeit musste ich das erste Mal an einen Satz von Dieter Hildebrandt denken, den er wohl in einem seiner letzten Interviews gesagt haben muss und an den ich mich hier – auch heute noch – oft erinnert fühle. Er sagte: „Wir Deutschen haben das Warten verlernt.“

Damit hat er wohl in vielen Fällen kein Unrecht. Wenn ich an Deutschland denke, kommt mir in den Sinn, dass Warten als Aktivität eigentlich gar nicht existiert. Oft sind Tage auf die Minute genau durchgeplant. Wir vermeiden es, warten zu müssen und selbst wenn es wirklich mal nicht anders geht – zum Beispiel die täglichen fünf Minuten an der Bushaltestelle – dann verkürzen sich viele Menschen die Zeit mit einem Candycrush-Level auf dem Smartphone oder einer Runde Angrybirds auf dem Tablet.

Hier, das ist mir schnell klargeworden, ist das anders. Hektik scheint kein dauerhafter Bestandteil des mentawaiischen Lebens zu sein. Selten sieht man Menschen durch die Straßen hetzen und ich ganz persönlich habe für meinen Teil seit Oktober letzten Jahres eigentlich keinen Stress mehr verspürt. Menschen besuchen sich, auch ohne einen ganz bestimmten Anlass, man redet oder manchmal sitzt man auch einfach nur zusammen. Es stellt kein Problem dar, mal ein oder zwei Stunden ohne jegliche Aktivität zu überbrücken.

In meinen Augen scheint alles langsamer zu gehen. Zeit wird anscheinend in einer anderen Einheit gemessen, sie hat einen anderen Wert. Zwei charakteristische Erlebnisse fallen mir dazu ein:

Einmal führte ich mit einem Mentawaiier ein Gespräch über eben jenes schwierige Thema und ich sagte ihm, dass es in Deutschland für manche Menschen der Satz gilt: „Zeit ist Geld.“ Seine Reaktion war bezeichnend. Er sagte erst mal gar nichts, schaute mich traurig an und bekundete dann sein Mitleid. Und das, das weiß ich, war ganz ehrlich.

Ein anderes Mal war ich im Schülerwohnheim, um zu unterrichten. Ich hatte etwas an die Tafel geschrieben und wartete darauf, dass die Schüler mir mit einem kurzen „sudah!“ zu verstehen geben, dass sie es bereits vollständig in ihre Hefte kopiert haben. Doch sie brauchten überdurchschnittlich lang und so sagte ich schließlich „Cepatlah!“, „Beeilt euch!“, worauf ich in eine sehr verdutzte Runde blickte und schließlich konnten die Schüler es nicht zurückhalten und fingen an zu lachen. Ich, etwas verwirrt, fragte, was denn der Grund für dieses Verhalten sein sollte und wurde schließlich aufgeklärt, dass das, was ich gesagt habe, falsch sei. Schließlich müsse es „Jangan cepatlah!“, Beeilt euch nicht!“, heißen, weil sich ja sonst Fehler in das Geschriebene einschleichen könnten. Nun war ich es wiederrum, der lächeln musste, meinen Fehler eingestand und den Schülern schließlich genug Zeit einräumte, um den Text in aller Ruhe abzuschreiben.

Während ich anfangs noch Schwierigkeiten hatte, mit diesem unterschiedlichen Stil klarzukommen, habe ich heute gar kein Problem mehr damit und genieße es sogar. Der entscheidende Punkt war glaube ich das Verstehen und Eingestehen. Im Nachhinein glaube ich, dass ich anfangs verzweifelt versucht habe, Gemeinsamkeiten und Parallelen zwischen meinem bekannten Leben in Deutschland und meinem Leben als Freiwilliger hier zu finden. Erst als ich mir selbst eingestanden habe, das man einen Apfel nicht zu einer Birne machen kann, auch wenn man schon herausgefunden hat, dass sie, wenn man die richtigen Merkmale auswählt, vielleicht ähnlich sind, konnte ich diesen Lebensstil wirklich genießen. Und es geht mir gut!

Und dann ist da noch dieses schwierige Thema mit der sogenannten Gummizeit. Es ist ein Vorurteil, das, wie alle Vorurteile, im verallgemeinernden Sinne falsch ist und nur auf einzelnen Wahrheiten aufbaut. Was ist die Gummizeit, die sogenannte „Jam Karet“? Im Grunde geht es darum, dass offizielle Veranstaltungen generell verspätet anfangen. Trifft das zu? Die simple Antwort lautet ganz einfach: Nein.

Ich habe es schon oft erlebt, dass Veranstaltungen pünktlich oder sogar zu früh begannen. Auf der anderen Seite habe ich auch schon viele verspätete Beginne erlebt. Letzeres hat oft ganz objektive Gründe:

Das übliche Verkehrsmittel ist das Moped und ich empfinde es als verständlich, dass ein starker Platzregen, wie er sich oft vom Himmel genießt, die Menschen (mich auch) davon abhält, das Zweirad zu besteigen.

Ich kann mich an eine Weihnachtsfeier erinnern, die deutlich verspätet begann, weil sie schon für den Nachmittag angesetzt war. Um diese Zeit waren viele Menschen, aber noch auf ihren Feldern und so wurde eben gewartet, bis der Raum gefüllt war.

Es ist eigentlich lächerlich, dass gerade ich, der ich mit Sicherheit zu den unpünktlichsten Menschen dieser Welt gehöre, über Pünktlichkeit und Zeit urteilen möchte. Trotzdem möchte ich ein kleines Fazit wagen.

Ich glaube, sowohl das deutsche als auch das mentawaiische Zeitgefühl täten gut daran sich ein bisschen zusammentun und an einem gemeinsamen Zwischenweg zu arbeiten. Dabei denke ich auf der einen Seite an Menschen wie meinen mentawaiischen Gastvater, der sich oft darüber beschwert, dass von ihm angesetzte Meetings nicht immer pünktlich beginnen, und auf der anderen Seite denke ich an eine deutsche Gesellschaft, die der Zeit einen viel zu hohen Stellenwert einräumt und so Lebensfreude und andere wichtige Dinge einbüßt. Burnout beispielsweise ist eine Krankheit, die aus diesem Lebensstil geboren wurde.

Schließen möchte ich mit den wunderbaren Worten der A-Capella-Band Wise Guys die in einem ihrer Songs fordern:

„Mach mal langsam, nimm dir Zeit dich auszuruhen, mach mal langsam, sei bereit mal nix zu tun. Das ist Luxus, das ist Lebensqualität, mach mal langsam, weil’s manchmal langsam besser geht.“

 

Fotoalbum: Alltag pendelt sich ein - Muara Siberut

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Kommentare

  1. 1. Antje  |  20 Februar 2015, 09:52

    Lieber Jakob, mal ein Lebenszeichen hier aus der Heimat, damit du weißt, dass wir an deinem Blog auch teilhaben, aber wir hier haben ja keine Zeit ;-)
    Hier fangen die Tage an, wieder länger zu werden, die Sonne gibt sich Mühe und man merkt, wie die Energie zunimmt und man wieder Lust hat, alles auf einmal zu tun. Dir weiterhin eine aufregende Zeit und ganz liebe Grüße

  2. 2. Etienne M.  |  25 Februar 2015, 19:12

    Just read (tried to translate) some of your blog. I Hope you enjoy your mission and that you live this way of life enough, time isn't monney! :)

  3. 3. vanessa  |  25 März 2015, 00:15

    bie heute, hatte ich zum erstmal dein super geschichte gelesen.Ich wunder mich manchmal ob du irgendwie hast uns ernannt,das wäre sehr schön.

    und muss ich sagen dass mir gefällt jeder Chronik.

 

 

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