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Ein Hundeleben

Autor: Jakob | Datum: 09 Januar 2015, 08:44 | 0 Kommentare

Ich gebe zu, der Titel scheint zunächst etwas in die Irre zu führen. Ich führe hier ein hervorragendes Leben und mir geht es sehr gut! Nichtsdestotrotz passt der Titel wie die Faust aufs Auge.

Warum? Da muss ich wohl etwas weiter ausholen.

Seit mittlerweile fast einem Monat bin ich nun auf Siberut. Anders als auf Nordpagai, wo ich mein eigenes kleines Häuschen hatte, lebe ich hier in einer Gastfamilie. Wie bereits erwähnt besteht die aus meinem mentawaiischen Gastvater Bapak Esrom, meiner Gastmutter Ibu Kristin aus dem Batakland und momentan zusätzlich deren Mutter, meinem Gastbruder Jesse, meinem anderen Gastbruder Franziskus, der allerdings in Padang studiert und deren Cousine Uli.

Seit einigen Tagen allerdings hat die Familie ein neues kleines Mitglied – Hundewelpe Bobo!

Es klingt jetzt vielleicht verrückt und als ich diesen Gedanken mit meiner Gastfamilie teilte kamen sie aus dem Lachen fast gar nicht mehr heraus, aber ich erkenne unglaublich viele Gemeinsamkeiten zwischen mir und meinem Leben als Freiwilliger und dem kleinen Bobo.

Als Ibu Kristin eines Abends von einem der unzähligen Besuch, die man der Tradition nach in den ersten Tagen des neuen Jahres macht, zurückkam und in ihrem Arm dieses kleine ängstliche Wesen hält, das sich immer wieder verunsichert umblickt und die ganzen neuen Gesichter begutachtet, da muss ich doch augenblicklich an mich denken, der ich am Anfang auch ein bisschen überfordert war mit all den neuen Eindrücken.

Wir setzen ihn hinter das Haus unter das große Vordach– jener Ort, der von nun an sein neues Zuhause werden soll – und er mustert ganz vorsichtig die Umgebung. Er wirkt sehr schüchtern und schnell verkriecht er sich unter der Schubkarre.

Ich gebe zu, ganz so schlimm war es bei mir wirklich nicht. Ich habe mich unter keiner Schubkarre versteckt, aber dennoch kann ich mitfühlen mit diesem kleinen Hündchen.

Befielt man ihm „Duduk!“, „Sitz!“, so gehorcht er noch nicht, was für mich ein ganz eindeutiges Indiz für die Tatsache darstellt, dass er der indonesischen Sprache noch nicht so wirklich mächtig ist. Und wieder fühle ich mich an mich und an meine unzähligen Situationen erinnert, in denen Leute mit mir redeten und ich mir und auch ihnen eingestehen musste, dass ich kein Wort verstanden habe. Bobo ist da klüger als ich, der geht einfach weg, während ich nach dreimaligem Anhören oftmals einfach lächelnd zustimmte. Eine Taktik, die nebenbei bemerkt abhängig vom Inhalt der Worte des Gegenübers fatal enden kann!

Und der Hund macht sich gut. Immer wieder verlässt er das sichere Plätzchen unter der Schubkarre, um die Gegend zu erkunden. Erst im sicheren Radius von anderthalb Metern, dann im tennisplatzgroßen Garten und bald schon macht er sich einen Spaß daraus, die Hühner auf dem Nachbargrundstück zu betrachten, schreckt allerdings immer wieder ängstlich zurück, wenn ihm eines zu nahe kommt.

Und ich frage mich erneut, ob das tatsächlich der Hund ist, der da mit zunehmenden Selbstbewusstsein durch die Gegend streicht oder nicht doch ein Abbild meiner selbst. Ich bin im Ort schon dafür bekannt, gerne unterwegs zu sein, gerne für ein kleines bisschen „jalan-jalan“, so nennt man es hier, das Haus zu verlassen.

Die VEM-Freiwillige Lilli in Tansania schrieb in ihrem Rundbrief:

„Man benötigt eine Menge Mut und Selbstvertrauen, ganz alleine, in einem fremden Land, mit fremder Sprache und Kultur, den Schritt vor die Tür zu wagen […] [, aber] an jeder Herausforderung wächst du.“

 Diesen Satz würde ich mir am liebsten über die Tür meißeln.

Es lohnt sich rauszugehen und die Gegend zu erkunden. Schon einige schöne Orte mit hervorragendem Blick aufs Meer habe ich ausfindig machen können, bin dabei auf interessante Tiere und Pflanzen gestoßen und habe mich mit Menschen unterhalten. Mittlerweile kenne ich immer mehr Gemeindeglieder und bei nichtwenigen war ich bereits zum Essen eingeladen.

Ein ganz besonders schönes Erlebnis war ein Trip mit einem kleinen motorisierten Boot in das Dörfchen Malilimo im südlichen Siberut. Dort war eine Konfirmation und da die Gemeinde zwar eine Kirche, aber keinen ordinierten Pfarrer besitzt, muss für solch wichtige Ereignisse der Pfarrer aus Muara Siberut, mein Gastvater und Mentor Bapak Esrom, anreisen. Mit zwei Presbytern und der ganzen Sippschaft sind wir also früh um sechs gestartet, schipperten den Fluss hinauf. Dann ging es nach Süden, hindurch durch Mangrovenwälder in eine weit vorgelagerte Bucht. Dort liegt, idyllisch hinter dem palmengesäumten Sandstrand, das kleine Dorf.

Es folgte der Gottesdienst mit einer anschließenden Rede meinerseits! Wenn ich in einer neuen Kirche, in einer neuen Gemeinde bin, stelle ich mich immer vor. Dazu habe ich einen festen Text in mein kleines Notizblöckchen gekritzelt, das ich an jenem Tag aber vergessen hatte. Ich war also gezwungen frei zu sprechen. Etwas nervös war ich schon, bei meinem letzten Versuch in Nemnemleleu ist das ja schließlich nicht so ganz gut gegangen („Mein Bruder hat 14 Götter“).

Als dann noch ein Presbyter zu mir meinte, es wäre schön, wenn ich meine Motivation noch mit dem  Gedanken, der hinter der Konfirmation steckt, in Verbindung bringen könnte, hat mein Herz dann doch schließlich überdurchschnittlich schnell geklopft. Dann tritt Bapak Esrom ans Rednerpult und zwischen einer Aneinanderreihung mir noch völlig unverständlicher Worte in mentawaiischer Sprache höre ich nur „Volunteer“ und „Jakob“ heraus und schließlich werde ich ans Pult gebeten. 15 Sekunden später blicke ich in herab auf etwa 150 bis 200 Gäste. Und dann erzähle ich, entschuldige mich schon im vorherein für etwaige Fehler, was mir bereits den ersten kleinen Lacher einbringt und das Resultat sind schließlich knappe zehn Minuten freie Rede und Beifall. Ich bin von oben bis unten glücklich, sind Mentawaier doch eigentlich mit Applaus so sparsam, und überall klopfen mir Leute auf die Schulter und schütteln meine Hand. Es hat sich gelohnt, rauszugehen! Lernen kann man nur, wenn man sich Herausforderungen stellt.

Anschließend folgte das gemeinsame Essen und danach gingen wir an den wunderschönen Strand, um uns abzukühlen. Am späten Nachmittag dann, ging es mit dem Boot zurück nach Muara, hinein in die untergehende Sonne.

Ja, es ist eine verrückte und aufregende, aber auch wundervolle Zeit, die ich momentan erlebe. Ich bin sehr dankbar für all die Erfahrungen die ich hier machen darf und ich freue mich auf die nächste Woche – dann geht’s nämlich endlich mit dem Englisch- und Deutschunterricht für die Bewohner des Schülerwohnheims los. Ich bin ein kleines bisschen aufgeregt, aber ich werde rausgehen und mich der Herausforderung mit Freude stellen! Natürlich.

Nur einen kleinen Unterschied kann ich zwischen mir und dem Hündchen Bobo feststellen. Die meisten Mahlzeiten nimmt er zwar genau wie ich auch ohne Besteck und auf dem Boden ein, er ist dabei aber deutlich wählerischer. Während ich nach wie vor alles mit Begeisterung probiere und von so vielen zubereiteten Speisen sehr angetan bin, bevorzugt der Hund Fisch und lässt den Reis und anderes gerne lange liegen oder isst gar nicht erst auf. Und dann steht da das halbvolle Tellerchen hinter dem Haus unter dem Vordach.

Vielleicht regnet es ja deshalb so häufig.

 

Fotoalbum: Zeit plättschern lassen - Hier und da auf Siberut

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